Automatisierter Stromhandel – Chancen und Perspektiven

Von Lutz Schierholz und Thorsten Möller, Vattenfall Energy Trading GmbH
Mit ähnlichem Wortlaut erschienen in: emw.trends 4|19 (www.emw-online.de)

Im Energiehandel nimmt die Anzahl der Geschäfte schnell Ausmaße an, die von Menschen allein kaum mehr überblickt werden können. Die Automatisierung der Handelsgeschäfte durch Algorithmen, das sogenannte Algotrading, ist eine naheliegende und effiziente Konsequenz. Aber auch in anderen Bereichen wie Erneuerbare-Energien-Anlagen oder Ladeinfrastruktur ist automatisierter Handel einsetzbar. Ein Überblick.

November 2019

Hohe Liquidität und starke Preisschwankungen bieten ein großes Optimierungspotential für flexible Erzeugung und flexiblen Verbrauch im Energiemarkt – im Folgenden allgemein Flexibilität genannt. Dies gilt für den Day-Ahead-Markt, ist aber seit einigen Jahren besonders im kurzfristigen, kontinuierlichen Intradayhandel der EPEX Spot zu beobachten. Bei gleichbleibend hoher Liquidität stieg die Anzahl an Geschäften im Zeitraum von 2018 bis 2019 um 30 Prozent. Das bedeutet eine Vielzahl an Trades mit Viertelstunden- und Stundenprodukten, mit mehreren 10.000 Geschäften pro Tag insgesamt. Eine Teilnahme an diesem Markt ist ohne technische Unterstützung nahezu unmöglich geworden.

Algorithmen, die speziell auf die Bedürfnisse der unterschiedlichen Marktteilnehmer zugeschnitten sind, agieren – unter Aufsicht – weitgehend selbständig sowie 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche. Die Gründe für die Preisvolatilität liegen im ständig steigenden Anteil der erneuerbaren Energien am Bruttostromverbrauch: Von 36,0 Prozent im Jahr 2017 stiegen sie auf 37,8 Prozent im Jahr 2018. In den ersten drei Quartalen 2019 deckten Erneuerbare bereits 42,9 Prozent des Bruttostromverbrauchs.

Neben der rein wirtschaftlichen Betrachtung der Flexibilitätsvermarktung ist das Thema Flexibilität insbesondere von Bedeutung, um die Integration von erneuerbaren Energien weiter zu fördern. Denn im Spotmarkt sind niedrige Preise in der Regel ein Indikator für ein Überangebot von Strom aus Wind und Solar. So lässt sich kostengünstig Strom aus erneuerbaren Energien liefern und gleichzeitig die Stabilität der Stromnetze gewährleisten.


Anwendungen für Handel, Industrie, Kommunen und Versorger

Von der Vermeidung von Bilanzierungsrisiken über die Optimierung von flexiblen Erzeugungs- und Produktionsanlagen bis hin zur aktiven Positionsnahme im Trading sind im automatisierten Stromhandel zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten denkbar. Interessant sind automatisierte Lösungen unter anderem für Industriekunden mit schwankenden Verbrauchs- bzw. Erzeugungsanlagen oder wenn sie als Bilanzkreisverantwortliche ihr Ausgleichsenergierisiko selbst tragen. Auch für Kommunen, Stadtwerke und E-Mobilitätsanbieter, die vor der Herausforderung der preisgünstigen und bedarfsgerechten Versorgung von E-Flotten stehen, ist die Anwendung denkbar. Nicht zuletzt können Stadtwerke, die ihre Anlagenportfolios als Flexibilität im Intradaymarkt vermarkten möchten, davon profitieren.

Mit der Akquisition des holländischen Start-ups Senfal, welches sich seit seiner Gründung genau mit diesen Fragestellungen beschäftigt, halten wir bei Vattenfall Energy Trading nun Tools für unsere Kunden bereit, mit denen sie von den beschriebenen Möglichkeiten profitieren können. Dazu gehören sowohl die Analyse und Implementierung der Optimierungsalgorithmen als auch die Bereitstellung der Schnittstellen. In Deutschland hat die Vattenfall-Tochter Vattenfall Smart Connect diese und weitere Services im Angebots-Portfolio, angefangen vom Pooling kleinerer Erzeugungsanlagen zur Erbringung von Systemdienstleistungen bis hin zu Lösungen für die E-Mobilität, wie marktpreisbasiertem bzw. gesteuertem Laden, dem so-genannten „Smart Charging“.


Optimierung auf Seiten der Anbieter – und der Kunden

Mit den unterschiedlichen Anwendungen steigen auch die Anforderungen an die Optimierung. Wir setzen daher stark auf die Entwicklung und den Einsatz bedarfsorientierter Algorithmen, um Risiken zu minimieren und gleichzeitig optimale Resultate zu erzielen. Die Herausforderungen bestehen aber nicht nur, wie oben beschrieben, auf der Marktseite, bei der die Unterstützung durch Algorithmen unumgänglich ist, sondern auch auf der Seite der Anbindung der Anlagen zur kontinuierlichen Kommunikation in Richtung der Algorithmen. Parallel dazu ist es unabdingbar, alle Prozessschritte ständig zu optimieren, um operative Risiken aus dem Handel auszuschließen. Neben diesen Anforderungen muss sichergestellt sein, dass die Prozesse ständig überwacht werden. Zudem kommt es auf die richtige Wahl der Technologie an, um auch kleinere Flexibilitäten kostengünstig an der Vermarktung teilhaben zu lassen.

Je nach frei verfügbarer Flexibilität und Schnelligkeit können am Intradaymarkt bis zu 50.000 Euro pro Megawatt Leistung pro Jahr erzielt werden. Der Intradaymarkt ist damit eine gute Alternative zu dem bisher dominierenden Regelenergiemarkt und bietet ähnlich gute Ergebnisse beim Einsatz von Flexibilität – mit wesentlich geringeren Eintrittsbarrieren.


Gute Zukunftsaussichten für automatisierten Handel

Durch die Vielfalt der Optimierungsanwendungen und die steigende Automatisierung rechnen wir damit, dass mittelfristig ein wesentlicher Teil im Bereich Flexibilitätsvermarktung vollständig automatisiert ablaufen wird. Das bedeutet auch, dass eine gute Datengrundlage, sowohl auf der Erzeugungs- als auch der Verbrauchsseite zunehmend wichtiger wird. Diese ist die Grundvoraussetzung für den automatisierten Handel. Für diese Aufgabe sind wir bei Vattenfall Energy Trading als einem der führenden Handelshäuser im Bereich erneuerbarer Energien sehr gut positioniert.


Sie haben Fragen zum automatisierten Stromhandel? Sprechen Sie uns gern an!

energysales@vattenfall.de


Zur Artikel-Übersicht