Die europäische Klimapolitik tritt in eine neue Phase ein: Mit der Reform des EU-Emissionshandels und der Einführung des EU ETS 2 werden CO₂-Kosten künftig stärker in Bereiche hineinwirken, die bisher vor allem national oder indirekt bepreist wurden. Wir erklären die Details.
August 2026
Während das bestehende European Trading Scheme 1 (EU ETS 1) für Emissionszertifikate insbesondere Energieerzeugung, energieintensive Industrie, Luftverkehr und zunehmend auch den maritimen Sektor adressiert, erweitert das EU ETS 2 die CO₂-Bepreisung auf Brennstoffe für Gebäude, Straßenverkehr und weitere Sektoren. Damit rückt nicht mehr nur der direkte Emittent in den Mittelpunkt, sondern zunehmend das Inverkehrbringen von Brennstoffen. Für Unternehmen, die Öl, Gas oder andere Energieprodukte in den Markt bringen, wird CO₂ damit zu einem zentralen Steuerungsfaktor im Portfolio.
Das EU ETS 2 ist als separates Emissionshandelssystem konzipiert und wird upstream angewendet. Das bedeutet, dass nicht die privaten Endverbraucher verpflichtet sind, sondern Unternehmen, die Brennstoffe in Verkehr bringen. Sie müssen Emissionen überwachen, berichten und künftig Berechtigungen für die erfassten Emissionen abgeben. In Deutschland ist diese Logik durch das nationale Emissionshandelssystem nach dem Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) bereits bekannt. Die regulatorische Phase des EU ETS 2 soll nach aktueller Darstellung am 1. Januar 2028 beginnen. Bis Ende 2027 läuft die Berichtsphase weiter, während in Deutschland parallel weiterhin Verpflichtungen im nationalen Emissionshandel bestehen.
CO₂-Score als neue Steuerungsgröße im Portfolio
Für Marktteilnehmer bedeutet das mehr als eine regulatorische Anpassung: CO₂-Kosten werden zu einem integralen Bestandteil von Beschaffung, Vertrieb, Produktgestaltung und Risikomanagement. Wer Energieportfolios strukturiert, muss künftig nicht nur Mengen, Preise und Lieferzeiträume betrachten, sondern auch den Emissionswert der vermarkteten Produkte. Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr nur: Zu welchem Preis kann Energie beschafft oder geliefert werden? Sondern auch: Welche CO₂-Intensität hat das Portfolio – und welche Kosten entstehen daraus unter nationalen oder europäischen CO₂-Bepreisungssystemen?
Gerade für Inverkehrbringer von Öl und Gas wird diese Perspektive relevant: Wer fossile Brennstoffe in den Markt bringt, muss künftig stärker damit rechnen, dass sich CO₂-Kosten entlang der Wertschöpfungskette niederschlagen. In einem upstream-System entstehen die direkten Pflichten zunächst beim regulierten Unternehmen; wirtschaftlich können diese Kosten jedoch in Produktpreise, Liefermodelle und Kundenangebote einfließen. Daraus ergibt sich ein strategischer Hebel: Wenn der fossile Anteil eines Portfolios sinkt, sinkt auch die CO₂-Exposition. Genau hier kommen erneuerbare Gase wie Biomethan ins Spiel.
Biomethan als strategischer Baustein zur CO2-Reduktion
Biomethan ist ein erneuerbarer Energieträger, der durch die Aufbereitung von Biogas entsteht. Nach der Aufbereitung kann Biomethan ähnlich wie Erdgas genutzt werden, jedoch mit deutlich geringerer Klimabelastung. Es kann unter anderem in Industrie, Gewerbe, Wärmemarkt, Stromerzeugung im Blockheizkraftwerk und als Kraftstoff im Transportsektor eingesetzt werden.
Der zentrale Vorteil von Biomethan liegt in seiner Anschlussfähigkeit an bestehende Systeme. Es kann in vielen Anwendungen fossiles Erdgas ersetzen, ohne dass zwingend ein vollständiger Technologiewechsel erforderlich ist. Für Unternehmen mit bestehenden gasbasierten Prozessen oder Kundenprodukten kann Biomethan deshalb ein pragmatischer Baustein der Dekarbonisierung sein.
Für ETS- und ETS-2-relevante Portfolios zählt jedoch nicht nur die physische Energie, sondern auch die Nachweisführung. Biomethan muss nachhaltig erzeugt und regulatorisch korrekt dokumentiert werden. Nachweise können über etablierte Register wie das dena-Biomethanregister oder Nabisy erfolgen. Damit wird Biomethan nicht nur zu einem Energieträger, sondern zu einem dokumentationspflichtigen Dekarbonisierungsinstrument.
Von der CO₂-Kostenlogik zur Portfolio-Optimierung
Bei dem Emissionshandelssystem entsteht der Preis nicht durch einen festen Steuersatz, sondern durch begrenzte Zertifikatemengen, Auktionen, Marktmechanismen und Nachfrage nach Emissionsberechtigungen.
Für Unternehmen wirkt ETS 2 wirtschaftlich wie eine zusätzliche CO₂-Kostenkomponente auf fossile Brennstoffe. Sobald fossile Brennstoffe in den Anwendungsbereich fallen, entsteht eine Kostenposition, die in Kalkulation, Vertrieb und Kundenverträge einfließen muss. Wird nachhaltiges Biomethan eingesetzt und regulatorisch korrekt dokumentiert, kann der fossile Emissionsanteil eines Portfolios sinken. Dadurch können sich auch die mit fossilen Emissionen verbundenen CO₂-Kosten reduzieren.
Wichtig ist dabei die saubere Abgrenzung: Biomethan ersetzt nicht automatisch jede CO₂-Kostenpflicht. Entscheidend sind der konkrete regulatorische Rahmen, die Nachweisregeln, die Bilanzierungslogik sowie die Erfüllung von Kriterien für Nachhaltigkeit- und Treibhausgasminderung. Die Europäische Kommission beschreibt im Zusammenhang mit zero-rating-fähigen Brennstoffen, dass unter bestimmten Voraussetzungen ein Emissionsfaktor von Null angesetzt werden kann – relevant sind dabei insbesondere Nachhaltigkeit, Treibhausgaseinsparung, Nachweisführung und die Vermeidung von Doppelzählung.
Wirtschaftlichkeit: Biomethanpreis, CO₂-Kosten und Energiesteuer
Aktuell liegt der Marktpreis von Biomethan in vielen Fällen noch über dem Preisniveau fossiler Alternativen beziehungsweise über den erwarteten CO₂-Kosten im EU ETS 2. Auf den ersten Blick kann Biomethan daher gegenüber fossilem Erdgas wirtschaftlich weniger attraktiv erscheinen. Für eine belastbare Bewertung reicht ein reiner Commodity-Preisvergleich jedoch nicht aus. Entscheidend ist die Gesamtkostenbetrachtung: Wird zertifiziertes Biomethan eingesetzt und dadurch fossiles Gas ersetzt, kann sich die CO₂-Exposition reduzieren – und damit auch der Bedarf, CO₂-Kosten aus dem nationalen Emissionshandel beziehungsweise künftig aus dem EU ETS 2 einzupreisen oder abzusichern.
Der relevante Vergleich lautet daher nicht nur Biomethanpreis versus Erdgaspreis, sondern Biomethanpreis versus Erdgaspreis plus CO₂-Kostenrisiko. Je stärker CO₂-Preise an Bedeutung gewinnen, desto wichtiger wird diese integrierte Betrachtung.
Zusätzlich muss die Energiesteuer berücksichtigt werden. Sie ist keine CO₂-Steuer, sondern eine Verbrauchsteuer auf Energieerzeugnisse und richtet sich nach Art, Menge, Beschaffenheit und Verwendung des Brennstoffs. Auch Biomethan kann energiesteuerlich relevant sein, da es als Energieerzeugnis behandelt wird. Der wirtschaftliche Vorteil von Biomethan liegt daher nicht automatisch in einer Entlastung von sämtlichen Steuern und Abgaben, sondern vor allem in der möglichen Reduzierung der fossilen CO₂-Exposition. Für eine belastbare Wirtschaftlichkeitsrechnung müssen deshalb Erdgaspreis, Biomethanpreis, Energiesteuer, sonstige Abgaben sowie BEHG- beziehungsweise EU-ETS-2-Kosten gemeinsam betrachtet werden.
Fazit: CO₂ wird zum Portfolio-Thema
Die Reform des Emissionshandels und die Einführung des EU ETS 2 verschieben die Spielregeln im Energiemarkt. CO₂ wird nicht mehr nur am Ende der Wertschöpfungskette sichtbar, sondern bereits beim Inverkehrbringen von Brennstoffen. Für Öl- und Gasportfolios bedeutet das: Der Emissionswert der Produkte wird zu einem kommerziellen, regulatorischen und strategischen Faktor.
Biomethan bietet in diesem Umfeld eine konkrete Möglichkeit, fossile Gasanteile zu ersetzen, den CO₂-Score eines Portfolios zu verbessern und CO₂-Kostenrisiken aktiv zu steuern. Entscheidend ist jedoch, Biomethan nicht nur als grünes Molekül zu betrachten, sondern als integrierten Baustein aus Energie, Nachweis, Zertifizierung und CO₂-Wirkung.
Die neue Logik ist klar: Wer CO₂ nur als Kostenposition behandelt, reagiert auf Regulierung. Wer CO₂ aktiv in Beschaffung, Produktentwicklung und Portfoliomanagement integriert, schafft strategischen Handlungsspielraum. Biomethan kann dabei ein wichtiger Baustein sein – insbesondere für Unternehmen, die bestehende Gasstrukturen nutzen, ihre CO₂-Exposition reduzieren und sich auf die neue europäische Marktlogik vorbereiten wollen.
Sie haben Fragen zum EU ETS 2? Melden Sie sich gern bei uns!
<a class="arrow">energysales@vattenfall.de</a>
Hier finden Sie weitere Informationen zu unseren Dienstleistungen: